„Wir bringen Sie auf Platz #1 in ChatGPT“

Warum Sie bei solchen Versprechen hellhörig werden sollten
„Wir bringen Sie auf Platz #1 in ChatGPT.“ Wenn Sie aktuell ein Angebot mit genau diesem Versprechen erhalten, lohnt es sich, kurz innezuhalten. Denn was auf den ersten Blick nach innovativem Marketing klingt, ist bei genauer Betrachtung eher ein Warnsignal.
Rund um Begriffe wie GEO (Generative Engine Optimization), AI Search oder KI-Sichtbarkeit entsteht derzeit ein neuer Markt. Und wie so oft in frühen Phasen neuer Technologien gehen echte Potenziale und überzogene Versprechen Hand in Hand.
Viele Ansätze orientieren sich noch stark an der Logik klassischer Suchmaschinen, wie Google Search. Doch Systeme wie ChatGPT funktionieren grundlegend anders. Genau hier liegt die Herausforderung und gleichzeitig die größte Quelle für Missverständnisse.
Es gibt kein „Ranking in ChatGPT“!
Im Gegensatz zu Suchmaschinen existieren in KI-Systemen keine klassischen Rankings. Es gibt keine feste Reihenfolge von Ergebnissen, keine „Position 1“, die dauerhaft gehalten werden kann.
Antworten werden stattdessen dynamisch generiert. Das bedeutet: Die KI kombiniert Inhalte, gewichtet Informationen neu und erstellt auf Basis des jeweiligen Kontexts eine individuelle Antwort.
Forschung und Veröffentlichungen von Organisationen, wie OpenAI oder Google DeepMind zeigen, dass diese Systeme probabilistisch arbeiten. Jede Antwort ist das Ergebnis von Wahrscheinlichkeiten, Kontext und verfügbaren Informationen, nicht das Resultat eines festen Rankings.
Wenn Ihnen also jemand eine konkrete Platzierung in einem solchen System garantiert, basiert dieses Versprechen auf einem Modell, das so (zumindest noch) nicht existiert.
KI-Ergebnisse kann niemand direkt steuern
Ein weiterer häufiger Irrglaube ist, dass Agenturen direkten Einfluss auf KI-Systeme hätten. Manche Angebote vermitteln den Eindruck, man könne gezielt steuern, welche Inhalte eine KI ausspielt.
Tatsächlich gibt es jedoch keine Schnittstelle oder „Hintertür“, über die sich Antworten in Systemen, wie ChatGPT, Gemini oder Claude direkt beeinflussen lassen.
Diese Systeme greifen auf trainierte Modelle, verfügbare Daten und, je nach Setup, auf externe Quellen zurück. Der Einfluss erfolgt ausschließlich indirekt, etwa durch:
- hochwertige Inhalte
- klare Positionierung
- starke Markenpräsenz
Das Ziel ist also nicht Kontrolle, sondern Relevanz.
KI-Sichtbarkeit ist aktuell nur eingeschränkt messbar
Ein technischer, aber wichtiger Punkt betrifft die Messbarkeit. Immer häufiger wird behauptet, man könne KI-Sichtbarkeit über APIs erfassen und auswerten.
In der Praxis ist das jedoch nur bedingt möglich. API-Antworten unterscheiden sich oft deutlich von dem, was Nutzer*innen tatsächlich im Interface sehen. Zusätzlich fehlen Faktoren, wie Kontext, Gesprächsverlauf oder Personalisierung.
Das führt dazu, dass viele aktuelle Messmethoden eher als grobe Orientierung dienen, nicht aber als belastbare Kennzahlen im Sinne klassischer Performance-Marketing-Logiken.
KI-Antworten sind nicht universell
Ein weiterer Unterschied zur klassischen Suche liegt in der Individualität der Antworten.
Während Suchmaschinen für eine Anfrage weitgehend ähnliche Ergebnisse liefern, reagieren KI-Systeme stark auf den jeweiligen Kontext. Schon kleine Unterschiede in der Fragestellung können zu völlig unterschiedlichen Antworten führen.
Das bedeutet, es gibt keine einheitliche Sichtbarkeit, die für alle Nutzer*innen gleichermaßen gilt. Sichtbarkeit in KI-Systemen ist kontextabhängig.
Umsatz über KI ist derzeit kaum zuordenbar
Auch beim Thema Erfolgsmessung lohnt sich ein realistischer Blick. Aussagen, wie „Wir können genau tracken, wie viel Umsatz über KI generiert wird“ klingen überzeugend, sind derzeit jedoch technisch kaum haltbar.
Der Grund liegt in der fehlenden Nachvollziehbarkeit der Customer Journey. Nutzer*innen können sich über KI informieren, Inspiration sammeln und erst später, ohne direkten Bezug, eine Website aufrufen oder eine Anfrage stellen.
Der Einfluss von KI ist damit durchaus vorhanden, aber oft nicht eindeutig messbar. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem „Dark Funnel“, also einem Bereich, der sich klassischen Tracking-Methoden entzieht.
Was stattdessen wirklich zählt
Trotz aller Einschränkungen ist klar, KI wird die digitale Sichtbarkeit nachhaltig verändern. Die Frage ist jedoch nicht, ob man darauf reagieren sollte, sondern WIE.
Statt auf kurzfristige Versprechen zu setzen, empfiehlt sich ein strategischer Ansatz.
1. Markenaufbau
KI-Systeme greifen bevorzugt auf bekannte, vertrauenswürdige Quellen zurück. Eine starke Marke erhöht somit die Wahrscheinlichkeit, in Antworten berücksichtigt zu werden.
2. Inhalte sollen klar strukturiert sein
Semantisch saubere Inhalte, klare Themenstruktur und verständliche Aufbereitung helfen KI-Systemen dabei, Informationen besser einzuordnen.
3. Themenautorität statt Einzel-Keywords
Der Fokus verschiebt sich weg von einzelnen Keywords hin zu Expertise in einem Themengebiet.
4. Ganzheitlich digitale Präsenz
KI-Systeme beziehen Informationen aus unterschiedlichsten Quellen. Websites, Social Media, Plattformen und externe Erwähnungen spielen gemeinsam eine Rolle.
5. Konsistenz in der Kommunikation
Je klarer und konsistenter Ihre Marke auftritt, desto leichter kann sie von KI-Systemen erkannt und eingeordnet werden.
Unternehmen, die heute beginnen, ihre Inhalte, ihre Marke und ihre digitale Präsenz strategisch auf diese neue Realität auszurichten, werden langfristig profitieren.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wie komme ich auf Platz #1 in ChatGPT?“
Sondern: „Wie werde ich zu einer Quelle, die von KI-Systemen überhaupt berücksichtigt wird?“
Und genau hier beginnt nachhaltige digitale Sichtbarkeit.